Die erste Fahrt

Es war für mich eigentlich direkt klar, als Marcus und Bruno zu uns in die Klasse kamen: Das ist genau das Richtige für mich. Einfach mal draußen schlafen mit seinen Sachen im Rucksack, das wär’s.
Natürlich war es am Anfang so, dass die Eltern es leicht kritisch gesehen haben, aber man kann es als Außenstehender einfach nicht verstehen, wie es ist, auf Fahrt zu gehen, bis spät in die Nacht Lieder zu singen…

Die erste Fahrt. Man war natürlich total aufgeregt und hatte erst mal keine Ahnung, was man mitnehmen sollte. Jesko, Bruno, Schieba, Arthur, Leon und ich haben uns noch nicht gut gekannt – was sich aber auf der Fahrt ändern sollte. Wir starteten mit einer schier ewigen Zugfahrt (ich fragte mich schon, ob wir deswegen ZUGvögel heißen) und danach in einem megastickigen, warmen Bus. Zu aller Ironie fuhren wir nach Brunow. Dort gingen wir erst mal ins Wirtshaus. Wir haben ein Liedchen gesungen (unser erstes Lied), und Bruno hat alte Kontakte spielen lassen, um unsere Wasservorräte aufzufüllen. Es war komisch in dem Wirtshaus. Überall an den Wänden hingen tote Tiere (76 um genau zu sein). Die Rast, mehr oder weniger gemütlich, war vorbei. Wir wanderten weiter. Es war dunkel und wir dachten an einem See, hier sei ein guter Lagerplatz. Marcus prahlte noch: „Springt einer morgen mit mir in den See!!??“
Bruno sagte, wir sollten eine Kohtenstange suchen (ich muss sagen, wir hatten damals überhaupt keine Ahnung, wie oder was ’ne Kohte ist). Als wir dann mit 150 cm langen, fingerdicken Ästen kamen, sollte Jesko eine suchen und wir Feuerholz.
Ein Feuer musste schnell her, es herrschte ein gefühltes sibirisches Klima. Wir aßen Nudeln à la Schieba (sie haben unbeschreiblich geschmeckt, das einzige Gute war das Pesto à la Bruno bzw. vom Supermarkt). Es war so megakalt, dass wir in der Kohte ein Feuer gemacht haben.
Ich bewundere, wie Bruno, als wir alle in unseren Schlafsäcken eingehüllt ins prasselnde Feuer guckten, in den dichten Rauchschwaden das Buch „Der Geliebte der großen Bärin“ las. (Dieses Buch hat schlussendlich auch zu unserem späteren Namen geführt: DIE SCHMUGGLER.)

Der nächste Morgen. Ich hatte in meinem Schlafsack einen dicken Schlafanzug und meinen Pullover an, obendrüber eine warme Decke, doch es war saukalt!!! Ich weiß nicht – entweder war ich zu müde oder eingefroren – es hat auf jeden Fall lange gedauert, bis ich aufgestanden bin. Wir haben kein Wasser mehr gehabt, nur noch Eis!!! Marcus hat seine in-den-See-spring-Idee dann doch gelassen. Wir packten alles zusammen und wanderten wieder zum Wirtshaus, wo wir wieder ein Lied sangen und unser Wasser auffüllten. Diesmal haben wir sogar ’nen warmen Tee abgesahnt. Wir sind im Ort noch ein Stück gelaufen und haben wieder gerastet um zu essen. Wir setzten uns vor einen kleinen Hof. Die Bäuerin (ich hab keine Ahnung, ob sie eine war) hat uns noch ’nen Kakao und Honig angeboten.
Wir waren zu siebt. Es gab jedoch nur vier Messer. Wir haben also Brotsbrüderschaften gegründet. Die Brotsbrüderschaft bedeutet: Durch einen speziellen Aufnahmeritus (jemandem ein Brot zu schmieren) wird man zum „Brotsbruder“ und leiht ihm sein Messer. Ich hab keine Ahnung, warum wir nur vier Messer hatten. Zum Schluss hat uns der Bauer noch auf seiner Klarinette etwas vorgespielt (es war sein Stil…).

Wir sind danach die ganze Zeit nur gelaufen…
Ungefähr so:
laufen, laufen, laufen,
laufen, laufen, laufen, laufen, Rast,
laufen, laufen, laufen, laufen…
Man muss sagen: Wir haben beim Laufen, Laufen, Laufen eine Menge gesehen, z.B. eine Jagd. Wir suchten uns dann wieder einen Lagerplatz und haben einen im Wald gefunden. Diese Nacht war megavielvollkrass wärmer. Wir bauten wieder alles ab, liefen ein Stück und sahen eine Wiese, die eigentlich nur aus gefrorenem Tau bestand… Puhh, ein Glück haben wir da nicht geschlafen! Nach noch einer kürzeren Strecke haben wir dann unser Ziel erreicht.

Text: Louis, 12 Jahre

Fotos von der Fahrt